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Revolutions: The Very Best Of Steve Winwood - Steve Winwood

Rezension

Irgendwo in Gloucestershire, so erzählt man sich in England, steht eine Kirche, in der, wenn es ein ganz besonders schöner Sonntag ist, ein Vater von vier Kindern (es können auch fünf sein) zur Messe an die Orgel tritt. Die Kirchgänger machen nicht viel Gewesen darum - wozu auch, es ist schließlich einer ihrer Nachbarn. Doch der Herr an der Orgel ist nicht irgendwer. Es ist Steve Winwood.

Nicht dass Steve Winwood sich aufs Altenteil zurückgezogen hätte! Wenn Eric Clapton auf Tour geht, dann ist er gerne mit dabei. Aber Steve Winwood ist nun einmal ein Musiker vom alten Schlag, der keinen Gig auslässt. Das verbietet die Musikerehre, mit der er sich frühzeitig vertraut machte - zusammen mit seinem Bruder Muff in der Tanzmusic-Combo seines Vaters. Die "Ron Atkinson Band" nannte man sich. Da war Steve acht. Es folgte eine der bewegtesten Karrieren, die man sich vorstellen kann.

Sie begann bereits mit 14, als er in seiner Heimatstadt Birmingham zusammen mit seinem Bruder Muff, Pete York und Spencer Davis die Spencer Davis Group aus der Taufe hob. Zu deren auch hierzulande weniger bekannten Nummern gehörten "Det war in Schöneberg, im Monat Mai" und "Mädel ruck ruck ruck an meine grüne Seite". Die nun vorliegende und von Winwood hächstselbst zusammengestellte "Best of" enthält statt dieser Evergreen zwei andere, wesentlich entscheidendere Coverversionen: "Keep On Running" und "Somebody Help Me", im Original vom jamaikanischen Songwriter Jackie Edwards, zeigen einen Siebzehnjährigen, dem man sein Alter nicht anmerkt: So schwarz hat weißer Soul selten geklungen. Auf "Gimme Some Lovin'" und "I'm A Man" wuchs Winwood dann über sich hinaus - was unweigerlich zum Ende der Spencer Davis Group führte.

Winwood stand der Sinn nach Höherem. Und so stürzte er sich Hals über Kopf in neue Projekte. Mit Chris Wood, Jim Capaldi und Dave Mason gründete er Traffic, denen ebenso eine kurze Lebensdauer vergönnt war wie der Supergroup Blind Faith (mit Eric Clapton, Ric Grech und Ginger Baker). Nichtsdestotrotz war es eine produktive Zeit. Songs wie "Forty Thousand Headmen", "Paper Sun", "No Face, No Name, No Number" reflektieren auf der "Best of"-Zusammenstellung die Entwicklung mit Traffic zu ausladenderen Arrangements. "Dear Mr Fantasy" ist das wohl eloquenteste Dokument des musikalischen Gestaltungswillens, wie er typisch für die 70er war: Der Song basiert auf einer einfachen Akkordfolge, die aber so stark mit Ornamenten umspielt wird, dass schlussendlich weder Schlagzeug noch Harp auf eine klare melodische oder sonstwie songdienliche Rolle festgeschrieben sind. "Can't Find My Way Home" mit Blind Faith treibt diese Entwicklung noch weiter. Hier spielt Winwood eine zitherartige Gitarre mit Nylonseiten, die ähnlich klingt wie eine Mandoline.

Folgerichtig machte Winwood danach als Multiinstrumentalist weiter. Schon immer hatte er zwischen Seiten- und Tasteninstrumenten gewechselt. Nun spielte er ganze Alben im Alleingang ein. "Valerie" vom Album "Talking Back To The Night" ist ein archetypisches Beispiel für die Entwicklung, die Winwoods Schaffen nahm: Während um ihn herum der Punkrock grassierte, entdeckte er den gediegenen Keyboard-Sound für sich. Der kommerzielle Misserfolg war ihm zunächst sicher - es sollte eine Weile dauern, bis "Valerie" in einer Neuauflage doch noch zu einem Hit wurde. Und dann war es nur noch ein kurzes Weilchen, bis ihm mit "Higher Love" und "Roll With It" seine größten Hits gelangen - und er im Grunde wieder dort anlangte, wo er begonnen hatte: Beim schwarzen, dreckigen Südstaaten-Soul.

Geschrieben von Boris Fust am 10.6.2010
Tags: Rock, Blues
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