24h
Ein Tag im Leben von Berlin
Am 5. September 2008 war der große Tag: Rund 400 Menschen, 80 Teams: Regisseure und Regisseurinnen, Kameramänner und -frauen, Aufnahmeleiter, Redakteure, Techniker, Fahrer, Kuriere befanden sich im Einsatz, drehten 750 Stunden Material. In zehn Monaten Schnittarbeit schälte man die 24-Stunden-Version heraus, produziert in HDTV.
12 Monate Recherche waren dem 2,8 Millionen Euro teuren Projekt vorausgegangen. Regisseur Volker Heise, der künstlerische Leiter von "24h Berlin", rekrutierte namhafte Regisseure wie Rosa von Praunheim aber auch talentierte Newcomer wie Hanna Doose. Heise ist Regisseur, Dramaturg und Autor von Serien und Dokumentationen für die ARD, Arte oder den SWR. Mit seiner ersten Regiearbeit "Schwarzwaldhaus 1902" gewann er 2003 den Grimme-Preis. Wie wollte er "die Großstadt Berlin erzählen"? Es gebe ja Vorbilder in der Literatur: Döblins "Berlin Alexanderplatz" und Filme wie "Menschen am Sonntag" oder Ruttmans "Symphonie einer Großstadt", beginnt Heise. "Aber heute leben andere Menschen mit anderen Medien." Ein 90-Minuten-Film, also wieder Kino, konnte es in Zeiten von Webcams, YouTube und "Big Brother" also nicht sein. Irgendwann las Heise einen Artikel über einen britischen Historiker, der seine Landsleute dazu aufrief, in einer Email einen Tag in ihrem Leben zu protokollieren. Heise dachte: Warum Email? Jeder hat doch ein Handy mit Videofunktion. Und dann funkte es: Ein Fernsehprogramm über einen Tag - 24 Stunden lang. Darunter ging es nicht. "Die Stadt ist nicht in einem Satz zu erzählen, sie entzieht sich der Beschreibung", sagt Heise. "Schon von ihrem Grundwesen her ist sie maximale Verschiedenheit auf engstem Raum." So etwas lässt sich nicht in einem Film, sondern nur in einem Programm abbilden. Es gebe Elemente der Serie, Elemente von Nachrichten, die Grundstruktur habe er bei CNN geklaut, so Heise. "24h Berlin" bringt halt keine Weltnachrichten, sondern Frau Bullack geht einkaufen und statt Werbung gibt es die Videos der Zuschauer.
So bleibt "24h Berlin" vielschichtig, auf Augenhöhe, ohne Bewertung, führt es die Menschen nicht vor, sondern versucht sie innerhalb ihrer Lebensentwürfe zu verstehen. Den Regisseuren war bewusst, das hier wird kein Autorenfilm. "Alle kannten die Spielregeln", erklärt Heise. "Wir recherchieren, sie drehen, wir schneiden." Dabei wird man immer einen Ausschnitt der Stadt sehen, aber nie die ganze Stadt, weil die ganze Stadt zu sehen unmöglich ist. "Wir haben es trotzdem versucht, in der Absicht, fröhlich, unterhaltsam und spannend zu scheitern", resümiert Heise lachend den zweijährigen Marathon.