Sting
Im Herzen kein Sunnyboy
Herbst ade. Auf einem neuen Album überhöht Sting den Winter zur Königsjahreszeit. Pure ergründet den Singer-Songwriter, Multi-Instrumentalisten, Schauspieler, Aktivisten und Pop-Intellektuellen in einem Porträt.
Vor ein paar Jahren sollte Sting auf einem von Bono organisierten Charity-Konzert in Cannes auftreten. Bono sagte ihn an: "Er ist einer der talentiertesten Singer-Songwriter der Welt, er spielt einen Wahnsinns-Bass, er sieht gut aus und ist total fit, seine Frau ist schön. Aber Gott ist gerecht...weil, Sting hat keinen Penis!" Brüllendes Gelächter im Raum, das handverlesene Promi-Publikum schlug sich auf die Schenkel. Wie er sich da gefühlt habe, wollte danach der Radio Times-Reporter Robin Eggar von Sting wissen. Hätte er nicht sechs Kinder gezeugt, dann hätte die Ansage ihn sicherlich provoziert, so Sting, jenseits der fünfzig, abgeklärt und entspannt. Früher hätte er Bono wahrscheinlich verklagt. Jeder möchte irgendwann Sting mal auf die Schippe nehmen, anders ausgedrückt, jeder wird bei Sting irgendwann mal neidisch. Der Mann hat alles: den Ashtanga-Yoga-Body, den Sex-Appeal, den Intellekt, das kosmische Bewusstsein, das Über-Talent, tolle Villen in London-Hampstead, der Toskana oder am Strand von Malibu, sechs schöne Kinder, Mitgliedsurkunden der Rock´n´Roll-Hall of Fame und der Songwriters Hall of Fame, 16 Grammys. Als Dankeschön für sein Engagement im amazonischen Regenwald benannte man eine seltene Froschart nach ihm. Da wird selbst ein Bono präpubertär. Das alles fiel Gordon Matthew Thomas Sumner, wie Sting bürgerlich heißt, scheinbar zu. Falsch: Sting, der Sohn eines Milchmanns aus Newcastle, bekam nichts geschenkt. Dass er die Universität besuchte, war in seiner Familie eine große Sache. Sein Leben hat etwas Präzises, Durchorganisiertes. "Ich mag es nicht, die Kontrolle zu verlieren", diktierte er 1987 Steve Turner vom "Q"-Magazin aufs Band.
Im Booklet seines neuen Studioalbums "If On A Winter´s Night" erinnert sich Sting daran, wie er als Junge frühmorgens mit seinem Vater die Milch austrug, an die "Schneedecke so vieler dunkler Wintermorgen. Wir waren oft die ersten, die sie störten, wenn wir leise durch die leeren Straßen fuhren." Sein neuntes Soloalbum, gerade erschienen beim Klassik-Label Deutsche Grammophon, ist eine Ode an Stings "Lieblingsjahreszeit", den Winter, Sting ist im Herzen kein Sunnyboy. Robert Sadin, der Mann hinter Herbie Hancocks Grammy-gewinnendem "Gershwin´s World"-Album co-arrangierte und -produzierte die 15 Songs. Die Gitarristen Dominic Miller und Dean Parks, den Violinisten Daniel Hope, die Bassistin Ira Coleman und zahlreiche andere exzellente Musiker lud Sting dafür in sein Haus in der Toskana ein. Dort nahmen sie, eingehüllt in Schals und dicke Wolldecken, im Februar 2009 "If On A Winter´s Night" auf. Das Material: traditionelle Musik von den britischen Inseln, ein Weihnachtslied aus dem 14. Jahrhundert, ein Song von Henry Purcell, Stings Vertonung eines Gedichts von Robert Louis Stevenson, eine Adaption von Schuberts "Leiermann" aus der "Winterreise", neben zwei eigenen Kompositionen Stings. Eingespielt teilweise mit historischen Instrumenten wie Harfe, Melodeon - und natürlich der Laute, seit Jahren ist sie Stings Lieblingsinstrument. Zu seinem letzten Album "Songs From The Labyrinth" inspirierte ihn John Dowland, englischer Komponist und Lautenspieler des 16. Jahrhunderts. Winter, Weihnachten, die Sonnenwende, der Rückzug nach innen. "Es ist eine Jahreszeit, die uns mit den Geistern der Vergangenheit konfrontiert. Wenn wir sie überwinden, kommen wir in den Frühling", kommentiert Sting seine musikalischen Meditationen.
