The Rolling Stones - Re-Releases
Freigegeben für alle Altersklassen
Man wird ja wohl noch mal über das eigene Alter nachdenken dürfen: Als die Rolling Stones 1978 ihr Sechsfach-Platin-Werk "Some Girls" veröffentlichten - immerhin ihr 20. Studioalbum - kroch der auch schon nicht mehr ganz junge Autor dieser Zeilen gerade mal aus dem Mutterleib. Zu einer Zeit, in der gerade die Musik explodierte, die ihn vierzehn Jahre später entschieden prägen sollten - namentlich: Punkrock. Für die Herren Jagger / Richards / Wood / Watts / Wymann hingegen war es bereits das Jahr, in dem sie zum ersten Mal gegen ihren Ruf als Rock-Dinosaurier antreten mussten, und ihre Rock- und Blues-Wurzeln zwischen Disco-Hype und Punk-Urknall ein wenig angestaubt wirkten.
Man stelle sich die Musikgeschichte der letzten fünfundvierzig Jahre ausnahmsweise mal nicht nur im Spiegel der Zeit, sondern auch mal im Spiegel der Stones vor! "Some Girls" - der erste Re-Release des zweiten Veröffentlichungsschwungs, den Universal in diesem Monat auf den Markt bringt - zeigt dabei exemplarisch, wie die Stones mit Scheidewegpunkten wie diesen umgingen. Wo andere sich auf ihren Stärken ausgeruht hätten, um auf die natürlichen Zyklen des Musikmarktes zu setzen, sagten sich die Stones ganz plakativ "Jetzt erst recht!" Allerdings nicht im Sinne des "Aussitzens" bis die Leute ihrer Musik wieder wohl gesonnen sind, sondern mit einer erstaunlichen Experimentier- und Provokations-Lust, die sich auf die eigenen Wurzeln besinnt, aber auch die Saatkörner anderer Genres und Strömungen ausstreut. Dass sie sich nach Eigenaussage auch dem Punk öffneten, mag man nicht nur hier und da hören, man erkennt es auch an Zeilen wie diesen im stampfenden "Respectable": "We're talking heroin with the President / Yes it's a problem sir, but it can be bent / You're a rag trade girl, you're the queen of porn / You're the easiest lay on the White House lawn." Im selben Atem- bzw. Albenzug schafften die Stones es gleichzeitig mit dem Opener "Miss You" auch die Disco-Fraktion zu pleasen, ohne sich dabei den erdigen Sound mit Keyboardschmock und Beats zuzukleistern. Und wenn man sich noch ein wenig weiter aus dem Fenster lehnt, kann man auch mal die gewagte These aufstellen, dass "Miss You" auch heute noch, sagen wir als Hercules & Love Affair Remix, funktionieren würde. Für Belege dieser Art muss man sich dennoch nicht unbedingt ins Reich der Fiktion begeben: So coverten die Kooks unlängst "Beast Of Burden" und brachten damit pubertäre Britpop-Fans zum Kreischen.
