Gaza in Kalifornien
Interview mit Vienna Teng
Pure: Sie sind ja vor kurzem von San Francisco nach New York gezogen. War das ein Ausbruch aus dem allzu Bekannten, Selbstverständlichen?
Teng: Ja. Ich brauchte dringend einen Tapetenwechsel. San Francisco ist eine tolle Stadt, aber ich hatte mich da zu sehr eingenistet, ich hatte es mir da zu gemütlich gemacht. Ich wollte es ungemütlich haben. Ich wollte eingeschüchtert und überwältigt werden. Als ich in New York ankam, traf ich sofort diese ganzen unglaublichen Musiker, das war auch verstörend. Das ganze Leben: die U-Bahn; in Menschenmengen stecken zu bleiben. Die rastlose, ehrgeizige Energie von New York habe ich in mich aufgesogen, und die neuen Songs reflektieren das.
Pure: Brauchten Sie den Kontrast? Mussten Sie in dieser ungemütlichen, herausfordernden Umgebung leben, um ihre lebensbejahenden Songs zu schreiben?
Teng: Kann sein, denn es gibt eine Menge düsterer Themen, aber "Inland Territory" ist mein bisher hoffnungsvollstes Album. Weil es, wie gesagt aus diesem Gefühl der Dankbarkeit heraus entstanden ist.
Pure: Viele Menschen im Westen sind ja gerade ziemlich besorgt um ihre finanzielle Sicherheit. Was würden sie ihnen raten?
Teng: Ich glaube, in einer solchen ökonomischen Krisenzeit kannst du dein eigentliches Leben anschauen und das wirklich Essentielle darin erkennen. Dieses Rauf und Runter im Kapitalismus zeigt ja die Flüchtigkeit, die Unbeständigkeit in diesem System auf, und irgendwann häutet sich dieses System, wirft das Unwirkliche, das Unnötige ab, das was nicht funktioniert. Auch wenn das weh tut, ist das notwendig. Privat passiert das auch manchmal. Man mag viel verlieren, und das tut weh, aber manchmal gewinnt man dabei das, worauf es wirklich ankommt. Ich hatte bisher Glück, ich habe nicht viel verloren, aber auf vielen Songs geht es deshalb um die Frage: Wie bekomme ich es hin, den Wert der Dinge, die mich umgeben zu erkennen, bevor ich sie verliere? Es wird leichter, wenn man materiellen Dingen nicht so anhaftet und dafür Wert auf, sagen wir Familie, Selbstvertrauen oder Neugier legt, auf solche Dinge.