Gaza in Kalifornien
Interview mit Vienna Teng
Durchs Panoramafenster im achten Stock blinken die Lichter der Großstadt. Ganz in sich versunken sitzt Vienna Teng im Konferenzraum von Universal Music, als der Interviewer herein kommt. Am selben Nachmittag ist sie aus San Francisco in Berlin gelandet, doch die chinesisch-amerikanische Singer-Songschreiberin hat kein Jetlag und lächelt.
Pure: Auf Ihrem neuen Album "Inland Territory" wechseln sie immer wieder die Standorte und Perspektiven: Der Song "No Gringo" thematisiert illegale Einwanderer. "Radio" handelt vom Nahen Osten. In "In Another Life" geht es um ein Minenunglück in China. Ist es wichtig, öfter Mal die Perspektive zu wechseln?
Teng: Ich glaube es hilft, das zu können. Während ich dieses Album aufnahm, habe ich viel daran gedacht, dass mein Leben sehr glücklich verläuft, dass ich das Glück hatte, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zur Welt zu kommen. Die Freiheit habe, dem nachzugehen, was mich interessiert, sehr wenig eingeschränkt bin. Mir ist bewusst, dass viele Leute nicht so leben. Und so habe ich versucht, mich in andere Schicksale hinein zu denken, denn diese Leute sind nicht wirklich anders als ich. Sie wurden nur in andere Umstände gesetzt. Für "Radio" stellte ich mir vor, dass San Francisco in Palästina liegt. Oder dass bei "No Gringo" US-Amerikaner heimlich über die Grenze nach Mexiko einwandern. Oder dass ich "In Another Life" fünf Kinder hätte und mein Mann wäre tot.
Pure: Wie sind sie da rangegangen? Haben Sie etwas Spezielles gemacht, um sich in diese anderen Lebensgeschichten hinein zu versetzen?
Teng: Den Anstoß gab mir, etwas in der Zeitung zu lesen, oder in Biografien oder Memoiren. Manchmal fühlte ich mich dabei wie eine Studentin der Geschichte oder der Politischen Wissenschaften...