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Elbow

The Seldom Seen Kid

Guy Garvey gäbe einen guten Dichter ab. Keinen dieser bebrillten Intellektuellen, die mit Fistelstimme gesteltzte Worttürme errichten, sondern eher die Fauser- oder Bukowski-Fraktion, einer dieser rough-guys, die nicht in Buchhandlungen lesen, sondern in Clubs, in denen normalerweise Rockbands spielen. Dieses spannende, bärtige Gesicht würde sich gut über einem verkratzten Holztisch machen, die Zeilen, handgeschrieben oder mit Schreibmaschine gehämmert, auf fleckigem Papier vor sich liegend, daneben ein Glas mit einer goldbraunen Flüssigkeit - sicher nicht Apfelschorle. Garvey würde seine Poesie mal flüsternd, mal fluchend, mal theatralisch rufend an den Mann bringen, und hätte er sich einmal in Rage geredet, würde er das Glas mit vollen Wucht auf den Tisch schlagen - so wie er es in dem Video zur ersten Single "Grounds For Divorce" tut. Natürlich würde Elbow-Sänger und Cheftexter seine Band nicht um alles Geld der Welt gegen eine einsame Dichterexistenz eintauschen. Ebenso wenig würde man sich das wünschen - der Punkt ist einfach der, dass Garvey ein dermaßen begnadeter Texter ist, dass dieses neue, vierte Elbow-Album schon begeistertet, wenn man sich allein den Wörtern hingibt. Der Titel "The Seldom Seen Kid", eine Verneigung vor dem verstorbenen Freund und Songwriter Bryan Glancy, lässt sogleich eine Reihe von Bildern aufsteigen, die eine ganz besondere Melancholie einfangen. Ebenso "The Loneliness Of A Tower Crane Driver" - eine solch greifbare Metapher, dass man sich plötzlich in einer Krankapsel über den Dächern Manchesters wähnt.
Taucht man tiefer in die Songtexte ein, findet man Zeilen wie diese: "I've been working on a cocktail called 'Grounds For Divorce'" - eine ganz wunderbare Idee, die vielleicht nicht in einer poshen Cocktailbar funktioniert, aber sicher in jedem Pub Nordenglands. Ein weiteres Beispiel: "I have an audience with the pope / and I'm saving the world at eight / But if she says she needs me everybody is gonna have to wait." Hat schon jemand so tiefromantisch, augenzwinkernd und unpeinlich über die Liebe gesprochen? Stopp! Wir sind hier ja schließlich nicht in einer Literaturzeitschrift gelandet. So langsam wird es Zeit, auch die Musik hereinzubitten. Und das funktioniert - man ahnt es, wenn man Elbow kennt - nicht durch ein bloßes Öffnen der Hintertür. Dafür bedarf es eines Vorhangs und einer großen Bühne. Elbow haben sich auf "The Seldom Seen Kid" von Anfang bis Ende auf die eigenen Stärken verlassen, völlig autark arrangiert, aufgenommen, gemischt und produziert, und es am Ende wieder geschafft, einen Pop-Sound zu finden, der zugleich reduziert und bombastisch klingen kann.

Geschrieben von Daniel Koch am 29.4.2008
Tags: Pop-Rock
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