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Michael Jackson

Aber auch all das hatte seinen Preis. Die Cover von Jacksons Alben der ´80er dokumentieren eine menschliche Tragödie: "Off The Wall" zeigt einen wunderbar gut aussehenden, strahlenden Afro-Amerikaner (danach hätte Jackson keine weiteren Skalpellritter ranlassen sollen). Auf "Thriller" sieht man bereits einen androgynen, unnahbaren Künstler, von heute aus bleibt er noch im Rahmen von Beyoncé, 50 Cent und Co. (immerhin gab es damals kein Photoshop). "Bad" zeigt Jackson bereits als den asexuellen Über-Teenie eines Manga-Comics, dessen Antlitz dann zeitweise dem des "Jokers" aus "Batman" ähneln sollte. (Als Junge hatte sich Michael jeden Samstagmorgen selbst als Cartoon-Figur im Fernsehen angesehen.) Zwischen den drei Alben hat sich seine Haut dramatisch aufgehellt. Schon 1987, im Zeitalter des Public Enemy-Albums "It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back" wertete man seine angebliche Pigmentstörung als Verrat. Während der Hip Hop mit seiner Gesellschaftskritik am Amerika Ronald Reagans die weißen Vorstädte eroberte, bekam Jackson das Stigma des schwarzen Spießers. "Bad" trat direkt gegen Princes wegweisendes "Sign of the Times" an. Jacko blieb zwar der King of Pop, aber seine Alben der 90er hatten nicht annähernd die Bedeutung des kolossalen LP-Triumvirats von "…Wall", "Thriller" und "Bad". Als der Britpop von Oasis und Pulp weltweit das Ruder übernahm, verlor die Musikpresse Jackson aus den Augen. Die Tabloids übernahmen ihn, stießen sich an ihm gesund: am Sauerstoffzelt, dem Schimpansen mit den Jacko-Klamotten, den Kindern von Neverland, Lisa Marie Presley, dem aus dem Hotelzimmerfenster gehaltenen Baby, den Schulden, dem Scheich. Nach Jahren meldete er sich 2009 aus der Versenkung, mit konkreten Plänen für ein Live-Comeback mit fünfzig Konzerten, unter anderem in Londons O2-Arena. Die Proben waren in vollem Gange, als Michael Jackson am 25. Juni 2009 in seinem Haus in Bel Air an Herzstillstand starb, verursacht durch die Einnahme von Psychopharmaka und Schlafmitteln. Jacksons Lebens- und Leidensweg ist eine US-amerikanische Tragödie. In einem Land, das afroamerikanische Sänger und Sportler wie Götter verehrt (jüngstes Beispiel: Tiger Woods), konnte er früher oder später nicht mehr das Ideal erfüllen, der Fehltritt war vorprogrammiert.

2008 nahm man "Thriller" (das 1984 für 12 Grammys nominiert war, von denen es 8 gewann) in der Grammy Hall of Fame auf. Über 110 Millionen Exemplare hat das Album verkauft, es ist mit Abstand der größte Bestseller der Popgeschichte. Manche finden das überbewertet. Wie gut klingt "Thriller" heute? Immer noch verdammt gut. Songs wie "Wanna Be Startin´ Something", "Beat It" und "Billie Jean" haben ihren festen Platz im American Songbook, leben via Sample und Reinterpretation (von Rihanna, Coldplay, Fall Out Boy und so vielen anderen) weiter. Faszinierend, aber von vielen immer noch nicht entdeckt sind dagegen die drei Soloalben Jacksons auf dem Motown-Label: Den Titeltrack seines von Willie Hutch produzierten Solodebüts "Got To Be There" kennt man immer noch besser in der Version von Chaka Khan. Michaels zweites Album "Ben" untermalte den gleichnamigen 1972er-Film, ist state-of-the-art cinematografischer Balladen-Soul auf dem Höhepunkt der Blaxploitation-Soundtracks. Für sein drittes Album gab Produzent Brian Holland dem 16jährigen eine Soundpalette zwischen Barry White und den Ohio Players in die Hand.

Melanie Müller

Geschrieben von pure-Team am 16.12.2009
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