The Rolling Stones
Das Stones-Album "Get Yer Ya-Ya´s Out!" von 1970 gilt als das "beste Rock-Livealbum aller Zeiten". Gerade ist "Get Yer Ya-Ya´s Out!" als Deluxe- und Super Deluxe-Boxset erschienen. Die LP markiert einen tiefen Einschnitt in der Karriere der Rolling Stones. Nur Monate nach der Aufnahme fiel ein schwarzer Schleier über die Band. Die Geister, die sie beschworen hatten, waren gekommen.
Die Rolling Stones untergruben die Moral, sie transformierten das Verhalten einer Generation, sie waren so unbequem, dass man sie zeitweise wie Staatsfeinde verfolgte. Sie öffneten die Box der Pandora, zeigten der prüden britischen Gesellschaft der 1960er ihre Fratze. Ihr Rezept war dabei recht simpel. Brian Jones und Co. befreiten das Monster, dass sich hinter den Anspielungen in amerikanischen R&B- und Bluessongs versteckt. Ihren Bandnamen entlehnten sie einem Song von Muddy Waters. Die Stones machten explizit, was der Blues nur andeutete, sie konnten es sich leisten. 1984 sagte Mick Jagger im Interview, er würde bis an sein Lebensende auftreten, genau wie B.B. King und John Lee Hooker, die Welt weiß, dass er Ernst macht. Was man dabei gern vergisst, ist die Tatsache, dass die meisten R&B- und Blueslegenden der 1940er und ´50er bis zum Tod auftraten, weil sie es sich finanziell nicht leisten konnten aufzuhören. "Sie nahmen mir meine Musik aber sie gaben mir meinen Namen", sagte Chuck Berry über die Stones. Er habe jedes seiner Gitarrenriffs kopiert, gab Keith Richards öffentlich zu, als er Chuck Berry in die Rock´n´Roll Hall of Fame einweihte.
Nein, die Stones kamen 1963 nicht einfach aus dem Nichts. Aber es sah so aus, weil sie in London wie eine Bombe einschlugen. Bis heute debattieren Musikwissenschaftler die Rolle ihres ersten Managers, des Über-Mods Andrew Loog Oldham. Als Oldham sie zum ersten Mal live auf der Bühne sah, am 28. April 1963, da waren die Rolling Stones ein charismatischer Haufen innerhalb des braven britischen Blues-Revivals um Alexis Korner. Oldham steckte das "Quintett" in identische Jäckchen mit Houndstooth-Muster und schwarzen Samtkragen, für einen TV-Auftritt bei "Thank Your Lucky Stars" (im Juni 1963), das ging total nach hinten los. In Wirklichkeit waren die Stones auch ein Sextett. Keyboarder Ian Stewart war Oldham jedoch "zu hässlich", und Quintette waren damals angesagter als Sextette. Umgehend wurde Stewart zum Studio-Sideman degradiert, was noch durchging. Die Rebellion der Band gegen das Outfit aber war der Auftakt vom Image. Oldham wurde klar, dass die Stones zu den Anti-Beatles werden mussten, zu einer Band, die Jugendliche für sich selbst behalten konnten, wo die Eltern nicht mehr milde lächelten. In der Tat brach ein Krieg zwischen den Beatles und den Stones um die Spitze der britischen Charts aus: "With The Beatles" wurde abgeschossen vom titellosen Debütalbum der Rolling Stones, nach 12 Wochen fiel es dort gegen "A Hard Days Night", blieb allerdings noch neun Monate in den Top-10.
