Morrissey
Ein grauer Tag im April. Im Foyer der Manchester Metropolitan University herrscht reger Andrang. Zwischen Thunfisch-Gurken-Sandwiches und Earl Grey diskutieren hunderte Akademiker angeregt vor dem größten Hörsaal. Ringhefter mit dem Konferenzprogramm für das Wochenende werden verteilt. Das Cover ziert die schlechte Schwarz-Weiß-Fotokopie eines Morrissey-Portraits, darüber ist die Überschrift "Why Pamper Life's Complexities - A Symposium on Morrissey and The Smiths" gefotoshopt. An diesem Wochenende werden gestandene Akademiker aus aller Welt und allen wissenschaftlichen Disziplinen über Morrisseys Lebenswerk diskutieren, so als gelte es die Dichter der Romantik und des Sturm und Drang zu analysieren. Und so ganz falsch ist dieser Vergleich sicher nicht, nur dass sich hier nicht an romantischen Novellen, sondern den vier Smiths-Platten und neun Morrissey-Solo-Alben abgearbeitet wird und der große Dramatiker zum Glück noch unter uns weilt und in raren, bissigen Interviews zu seinen Anhängern spricht. Diskutiert werden die Ästhetik der Working Class in Morrisseys Texten, der Neorealismus, ja sogar eine empirische Erhebung zur Rezeption der Smiths wird vorgestellt. Eines jedoch muss hier nicht mehr besprochen werden: Morrisseys unumstößlicher Status als britische Kulturinstitution.
In England gehören Morrisseys Songtexte schon längst zum Bildungskanon. So verfasste die Times anlässlich Morrisseys 50. Geburtstags eine Ode auf die dichterischen Fähigkeiten des charismatischen britischen Crooners - und stellte ihn in eine Reihe mit Poeten wie Oscar Wilde, Samuel Beckett und John Betjeman. Mit Beckett teile Morrissey ein ähnliches Repertoire an Charakteren, die niemals wirklich gelebt haben, wie man zum Beispiel im Song "That's How People Grow Up" nachhören könne, so der Feuilleton-Leitartikel der Times. Textzeilen wie "Let me live before I die" haben einen Beckettschen Tonfall und auch das Motiv der Einsamkeit sei in Morrisseys Songtexten ähnlich präsent wie in Becketts Werken, analysiert Morrissey-Experte Dr. Gavin Hopps in der Times. Mit dem Dichter Philip Larkin teile er "Poetik des Unpoetischen" so der Feuilleton-Leitartikel. "Morrissey schreibt über Frisbees and Sakko-Verstärkungen aus Leder. Er bildet das Alltägliche ab, wie in "Everyday is Like Sunday": "Trudging slowly over wet sand/ To the bench where your clothes were stolen", analysiert Dr. Hopps. Morrissey zeichne Bilder aus dem Leben nach, heißt es in der Times. Und auch die BBC argumentierte ähnlich, als sie Morrissey auf Platz 2 der wichtigsten englischen Kulturikonen aller Zeiten wählte. Übrigens noch vor Sir Paul McCartney.

