Nirvana
Die letzte echte Pop-Revolution nahm ihren Anfang im US-Bundesstaat Washington, ganz oben links auf der Landkarte der USA. Ende der 1980er explodierte im Land der Holzfäller und des Nieselregens die Grunge-Bewegung. Jahrelang sprach man in der Musikpresse von wenig anderem als von "Teenage-Angst" und Slackern.
1989 erschien das Debütalbum eines Kleinstadt-Trios namens Nirvana auf dem Sub-Pop-Label, der Heimat von Grunge-Bands wie Mudhoney oder Soundgarden. Nirvana kamen aus Aberdeen, fünfzig Kilometer von Washingtons Hauptstadt Olympia entfernt. Ein deprimierendes, erstickendes Nest. Hätten sie nicht mit dieser Bandgeschichte angefangen, dann hätten sie wohl gemacht, was jeder so in Aberdeen tut: Bäume fällen, saufen, Sex haben, noch mehr saufen, über Sex reden und noch ein bisschen mehr saufen, bevor es wieder ans Bäume fällen geht. So beschrieb Nirvana-Bassist Kris Novoselic den Alltag von Aberdeen.
Mit ihrem zweiten Album "Nevermind" sorgten Nirvana 1991 für einen Erdrutsch. Resolut fegten sie Michael Jacksons "Dangerous" von der Spitzenposition der US-Charts. Im Turbogang ließen sie Zeitgenossen wie Pearl Jam hinter sich. Ihr Multi-Nr. 1-Hit "Smells Like Teen Spirit" lief überall. Bis heute hat "Nevermind" rund vierzig Millionen Exemplare verkauft. Phänomenal, denn "Nevermind" war und ist eine klassische Punk-Rock-LP, tritt direkt in die Fußstapfen der Stooges und Sex Pistols, von Black Flag. Aber: Veröffentlicht auf David Geffens Majorsublabel DGC, klanglich auf Höchstniveau produziert von Butch Vig (Smashing Pumpkins), schlug "Nevermind" den Pop mit seinen eigenen Waffen. Kurt Cobains Songs verschmelzen die Wucht von Black Sabbath mit den Melodien der Beatles. Seine Songtexte brachten das Lebensgefühl, die Langeweile, Klaustrophobie, den Idealismus der so genannten Generation X, der damaligen 20jährigen auf den Punkt. Sie machten Cobain zum klassischen Antihelden, zur Grunge-Version von James Dean, John Lennon oder Che Guevara. Auf Hunderttausenden T-Shirts blicken uns heute seine traurigen blauen Augen unter wuseligen Haarsträhnen an. Nirvana waren die richtige Band zur richtigen Zeit. Der Pop-Mainstream warf sich ihnen in die Arme. Oder: Nirvana crashten mit "Nevermind" die Party von Axl, Elton und Michael. Bis heute sind sie mit die größte Rock´n´Roll-Band aller Zeiten. Doch sein Star-Dasein - so verbissen er auch daran gearbeitet hatte - bereitete dem komplizierten verschlossenen Cobain von Anfang an Magenschmerzen. Das ikonische Cover von "Nevermind": ein Baby, das unter Wasser einem am Haken hängenden Dollarschein hinterher schwimmt, sagt mehr als tausend Worte.

