Rufus Wainwright
Nicht nur alle Farben des Regenbogens kämpfen da in Streifen und Schleifen um die Vorherrschaft auf Rufus Wainwrights Anzug, auch das gesamte Farbspektrum, das er in seinen zahllosen LSD und Crystal-Meth-Räuschen gesehen haben dürfte, findet sich auf diesem Stück Stoff. Das Outfit, das Rufus Wainwright für seinen gerade auf der CD und DVD "Milwaukee At Last!!!" verewigten Auftritt im Pabst Theatre in Milwaukee gewählt hat, ist mal wieder in punkto Extravaganz schwer zu überbieten. Und, wer sich nun fragt, was man bei so einem grellen Anzug drunter trägt: Nix. Nur Brusthaar. Und dazu ein Collier, das Wainwrights Großmutter gehört haben könnte. Das alles funktioniert modisch natürlich nur in einem Fall: Wenn man Rufus Wainwright ist.
Was unweigerlich zu der Frage führt, wer dieser wunderbare, pathetische, divenhafte, durchgeknallte Songwriter eigentlich ist? Aber, selbst wenn das jetzt ein Spoiler ist: Das wird auch dieser Text nicht beantworten können. Man könnte dennoch ein paar Einschätzungen namhafter Kollegen anführen, die schon mal eine Richtung vorgeben. So meinte Neil Tennant von den Pet Shop Boys einmal, er könne aktuell keinen Songwriter nennen, der besser sei. Rufus Wainwrights Kumpel Elton John, der ihn damals auch in die Entzugsklinik brachte, meinte er sei "ein amerikanischer Schatz, den es noch zu bergen gilt", R.E.M.-Cheffe Michael Stipe nannte ihn "die neue Nina Simone" und Regisseur Martin Scorsese, der für den Film "The Aviator" mit ihm arbeitete, verglich ihn gar mit einem "griechischen Ein-Mann-Chor".
Erstaunlich ist bei Rufus Wainwright vor allem die Tatsache, das hinter seiner angenehm pathetischen Musik, die es ja durchaus vermag, mainstreamkompatibel zu funktionieren und sogar in F.A.Z.-lesenden Feuilletonkreisen für gut befunden wird, ein Leben lauert, das mehr Rock'n'Roll ist, als die Biographie von so manchem Punkmusiker hergibt. Schon über Wainwrights Kindheit als Sohn des Songwriters Loudon Wainwright III und der Folk-Musikerin Kate McGarrigle könnte man ein Buch schreiben. Der Vater verließ die Familie, als Rufus und seine ebenfalls inzwischen als Songwriterin etablierte Schwester Martha noch im Kindesalter waren. "Meine erste Erinnerung ist das Bild, wie unsere Mutter ihre Möbel in einen Miettruck packte. Unser Vater kommunizierte danach in erster Linie von der Bühne aus mit der Familie - oder er schrieb Songs drüber", erzählt Wainwright in einem Interview mit dem britischen "Observer". Ein gerne zitiertes und belächeltes Beispiel ist der Song "Rufus Is A Tit Man" von Papa Loudon, in dem es heißt: "Rufus is a tit man / Suckin' on his mamma's gland / Suckin' on the nipple / It's a sweeter than the ripple wine / Yes it's sweeter than the wine. / You can tell by the way the boy burps / That it's gotta taste fine." Dass Rufus später wenn dann überhaupt männliche Brustwarzen zwischen seinen Lippen bevorzugte, ist ein ganz wunderbarer Treppenwitz der Musikgeschichte - der aber seinem eher dem Machismo zugeneigten Vater ernsthafte Probleme bereitete.
